
Daten: Nach dem Bauerntag in Töss vom Pfingstmontag, dem 5. Juni 1525, liefen die Auseinandersetzungen zu staatlichen Reformen wieder in geordneteren Bahnen. Zunächst nahm der Zürcher Rat gezielt Einfluss auf zuwartende Gemeinden, indem er versuchte, ihnen die Gefahr einer kriegerischen Intervention der Eidgenossen aufzuzeigen, würde von den Landgemeinden eine gemeinsame Zehntverweigerung angestrebt. Der Verweis auf die Ereignisse in Ittingen verfing offensichtlich17. Denn am 15. Juni wurde in der Kirche Kloten an der Versammlung der Vertreter von Landgemeinden, unter Ausschluss des Zürcher Rats, allem Anschein nach in der Zehntfrage kein Beschluss gefasst. Jedoch wurde an den übrigen Forderungen aus den Artikelbriefen im Wesentlichen festgehalten18. Zwei Tage später beschloss der Rat von Zürich tatsächlich eine «vernüwerung und reformation (!) aller unser(en) klösteren»19. Bislang waren das Chorherrenstift Embrach und die städtischen Klöster umgewandelt worden. Nun folgten am 17. Juni das Kloster Rüti und, nach dessen Vorbild, schliesslich die restlichen Klöster. Das Zehntwesen regelte er im Mandat vom 14. August20. Während auf zürcherischem Territorium ein Krieg vermieden werden konnte, dauerte der deutsche Bauernkrieg an, bis zum letzten Gefecht am 4. November 1525 bei Griessen, im Grenzgebiet Klettgau. Über das persönliche Schicksal des Pfarrers von Griessen, Johannes Rebmann, führt ein Weg von diesem Ereignis ins Embrachertal, wo sich die Verhältnisse für die ländliche Bevölkerung in eine andere Richtung verändert hatten – in jene der Befreiung von Einschränkungen der Leibeigenschaft. Dabei hatten sich bäuerliches Aufbegehren im Züribiet und Entwicklungen nördlich des Rheins eine Zeit lange noch gegenseitig beeinflusst, wie ein Blick zurück an den Anfang des Jahres 1524 zeigt.
Bäuerliche Artikel nördlich des Rheins: Peter Blickle (1938-2017), Geschichtsprofessor und renommierter Forscher zum deutschen Bauernkrieg, stellt in seinem Werk «Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten. Eine Geschichte der Freiheit in Deutschland» fest: «Schon … 1524 in geradezu kristalliner Form sprachen die Bauern in Embrach von sich als solchen, die frei seien. Weil durch das Evangelium ‹die fryheiten› an den Tag gekommen seien ‹und sunderlich, dass kein Mensch des andern eigen sin sölle›, verlangen sie die Aufhebung von ‹Lass, Eigeinschaft und Ungenossami› und wollen niemandem ‹solicher Eigenschaft ir Lib und Gütern verbunden sin›. Embrach liegt … auf dem Weg von Zürich nach Schaffhausen, Singen, Waldshut, den Hegau und den Klettgau, alles Inkubationsnester für den im Sommer 1524 ausbrechenden Aufstand»21. Der radikale Reformator Thomas Müntzer hielt sich Anfang 1525 in Griessen auf. Es ist unklar, ob ihn der Thurgauer Johannes Rebmann beim Antritt seiner Pfarrstelle noch antraf22. Jedenfalls unterstützte auch Rebmann den Bauernaufstand. Die Leute im Klettgau beklagten sich, dem Embracher Artikelbrief folgend, in 44 Artikeln beim Rat von Zürich über ihren Landesherren, den Grafen von Sulz. Ihre in den ersten beiden Artikeln evangelisch begründete Forderung, die Einschränkungen der Leibeigenschaft abzuschaffen23, fand schliesslich Eingang in die 12 Artikel der oberschwäbischen Bauern – häufig als eine Quelle der Menschenrechte betrachtet. Im dritten Artikel steht: Es «erfindet sich mit der Geschrift, das wir frei sein und wöllen sein. Nit, daß wir … kain Oberkait haben wellen … . Wir sollen in Gepotten leben, nit in freiem fleischlichen Muotwilen, sonder Got lieben, in als unsern Herren in unsern Nechsten erkennen, und alles das ton, so wir auch gern hetten»24. Mit über 20‘000 Flugblättern fand diese Erklärung bäuerlicher Grundrechte eine enorme Verbreitung – bis ins Züribiet. Unter Berufung des vierten der Zwölf Artikel setzten sich Bauern, die in der Glatt fischen gingen, demonstrativ über das Fischereirecht des Eglisauer Landvogts hinweg25. Die Forderung zur Aufhebung des Jagdrechts wurde auch von den aufständischen Bauern des Amts Grüningen in ihre Beschwerdeschrift als Artikel 16 aufgenommen, die sie am 25. April 1525 in Rüti einer Delegation des Zürcher Rats vorlasen. Da waren die oberschwäbischen Bauernhaufen bereits besiegt. Sie waren in diversen Schlachten gegen die Truppen des Schwäbischen Bundes chancenlos geblieben. Ein halbes Jahr später kämpfte der Klettgauer Haufen gegen lokale Adlige bei Griessen und wurde im letzten Gefecht des deutschen Bauernkriegs vernichtend geschlagen.
Schlüsselpersonen: Nachdem am 4. November 1525 Pfarrer Johannes Rebmann zusammen mit den letzten Aufständischen gefangengenommen worden war, wurden ihm auf Geheiss des Grafen von Sulz die Augen ausgestochen. Für den geblendeten Johannes Rebmann begann eine Odyssee, auf der lokale Reformatoren zu Schlüsselpersonen wurden: Zuerst fand er Zuflucht bei Balthasar Hubmaier in Waldshut, der sich inzwischen der Täuferbewegung angeschlossen hatte. Als habsburgische Truppen am 5. Dezember 1525 Waldshut einnahmen und den alten Glauben wieder einführten, mussten Hubmaier und Rebmann die Stadt verlassen. Diesmal kam Rebmann mit seiner Frau für beinahe ein Jahr bei Ambrosius Blarer in Konstanz unter. Dann gab er ihnen ein Empfehlungsschreiben für Zwingli mit auf den Weg nach Zürich. Darin stand: «Ich bitte dich, lass diesen unseren blinden Bruder mit seinem armen Weibchen Dir … christlich empfohlen sein …, die gewiss Christi Segen zu uns begleitet hat …. Übe … die Pflicht der Liebe, übe sie auch gegen uns. Sieh, dass ihnen irgend ein Zimmerchen nebst einem kleinen Ofen, etwa in einem leerstehenden Kloster werde, und sei versichert, wir werden ähnlichen Gesuchen von Deiner Seite mit allem Eifer zu entsprechen bemüht sein»26. Dank Zwinglis Hilfe wurde Rebmann Pfarrer an der Spannweid, einem Siechenhaus von Zürich. Und ein Jahr später konnte er als Pfarrer von Lufingen tatsächlich in Embrach in ein ehemaliges Stiftsgebäude einziehen, das mittlerweile als Lufinger Pfarrhaus genutzt wurde. So landete Rebmann in der ersten reformatorischen Kirche an jenem Ort, an dem erstmals mit evangelischen Argumenten die Freiheit für Leibeigene gefordert worden war, – und sah wahrhaftig eine mehrheitlich freie Landbevölkerung. Einige Jahre später liess er den ersten Steg von Embrach nach Dättlikon bauen, der schon bald «Blindensteg» genannt wurde. Bis heute erinnert dieser Name ans Schicksal des blinden Pfarrers und Bauinitiators27.
70 km in die Freiheit
Rüti: Schlüsselereignis / Bubikon: Schlüsselaussagen / Fehraltorf: Schlüsselerkenntnis / Töss: Schlüsselmoment / Lufingen (Standort): Schlüsselpersonen / Embrach: Schlüsseltragende
