Ittingen 1524: Klostersturm

Rechtsverhältnisse: In der Zürcher Vogtei Stammheim, die nebst Stammheim auch Nussbaumen umfasste, war die gemeine Herrschaft Thurgau zuständig für die Blutgerichtsbarkeit, also für die Strafverfolgung bei Kapitaldelikten wie Mord, Brandstiftung oder Friedensbruch. Der Thurgauer Landvogt residierte in Frauenfeld und unterstand der Aufsicht der sieben regierenden eidgenössischen Orten Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus. Von 1518-23 stellte Zürich mit Johann Wegmann den Landvogt; auf ihn folgte turnusgemäss der Schwyzer Joseph Amberg. Mitte 1524 befand sich von den sieben Orten einzig Zürich auf dem Weg der Reformation.

Bilderstürme: Am Ursprung der Unruhen im zürcherisch-thurgauischen Grenzgebiet stand ein Bildersturm in Stammheim, den der thurgauische Landvogt im Januar 1524 ahnden wollte. Tatsächlich sahen die katholischen Orte darin ein Kapitaldelikt. Das veranlasste erstmals reformatorisch gesinnte Bauerngemeinden dazu, sich zu einem Schutzbündnis zusammenzuschliessen. Zu diesen Gemeinden gehörten auch Stammheim und die zürcherische Stadt Stein am Rhein, die auf der gegenüberliegenden Rheinseite im thurgauischen Burg die niederen Gerichte besass. Im Mai begannen in Stammheim die Brüder Hans und Adrian Wirth als Prädikanten ihre evangelische Predigttätigkeit, im Juni ereignete sich dort ein weiterer Bildersturm und im Juli liess der reformatorisch gesinnte Leutpriester von Burg, Hans Öchsli, Bilder aus den Kapellen von Burg und Eschenz entfernen. Er hatte seine Stelle vom Kloster Einsiedeln erhalten, dem die beiden Kapellen gehörten. Sie befanden sich allerdings auf thurgauischem Territorium.

Priesterentführung und Verfolgung: Auf Befehl der Eidgenossen, erteilt im Geheimen ohne Zürich, wollte der Thurgauer Landvogt den Leutpriester Hans Öchsli verhaften lassen, der jedoch rechtzeitig untertauchen konnte. Als er nach einer Woche erstmals wieder zu Hause übernachtete, wurde er noch vor Tagesanbruch am Montag, dem 18. Juli, von Thurgauer Landsknechten ergriffen. Seine Hilfeschreie vernahmen die alarmbereiten Wächter auf dem Münsterturm in Stein am Rhein und läuteten Sturm. Die Stammheimer Hans Wirth der Ältere, seine Söhne Hans und Adrian sowie der Nussbaumer Burkart Rütimann gehörten auch zur Meute, die den Landsknechten in den Thurgau nachjagte. Ein Landsknecht fiel ihr in die Hände, die übrigen entkamen nach Frauenfeld.

Klostersturm: Wütend wendeten sich die Verfolger der vorgelagerten Klosterstätte Ittingen zu und verschafften sich Einlass. Sie gingen unflätig mit den Mönchen um, tranken übermässig Wein und verzehrten Unmengen von Speisen. Es kam auch zu einem Bildersturm. Während Radikalere vor der Frauenfelder Stadtmauer ihr Lager aufschlugen, versuchten Gemässigtere auf einen Gefangenaustausch hinzuwirken: Sie würden den Landsknecht freilassen, wenn ihnen Leutpriester Öchsli übergeben würde, dem sie den Prozess machen wollten. Dass der Landvogt Joseph Amberg als Inhaber der Hoch- bzw. Blutgerichtsbarkeit von Burg sich als zuständiger Gerichtsherr für die von Öchsli begangene Tat sah und nicht den Steiner Stadtvogt Konrad Steffan, der sich unter den Aufständischen befand, leuchtete dem inzwischen benachrichtigten Zürcher Rat ein. Entsprechend unternahm er diplomatische Anstrengungen. Einerseits versuchte er die Eidgenossen zu beschwichtigen, andererseits entsandte er zwei Ratsherren nach Ittingen, darunter den einstigen Landvogt Johann Wegmann. Sie sollten die Aufständischen davon überzeugen, die Angelegenheit unter Eidgenossen klären zu lassen und auf Zürcher Territorium zurückzukehren. Von den Rädelsführern blieb Erasmus Schmid, Reformator von Stein am Rhein, unnachgiebig, während Stadtvogt Konrad Steffan sich zögerlich verhielt. Die Mehrheit der Aufständischen – es waren mittlerweile ein paar Tausend – gab jedoch klar zu verstehen, nicht abziehen zu wollen. Unterdessen mobilisierte der Landvogt mehrere Tausend Mann, falls die Aufständischen eine militärische Aktion zur Freilassung von Hans Öchsli starten würden. Das bewegte viele revoltierende Zürcher doch noch zur Umkehr. Wenig hätte gefehlt und ein Bauernkrieg wäre ausgebrochen, zumal auch der Zürcher Rat sich anschickte, bewaffnete Männer aufzubieten, die sich den Rebellen im Fall eines Sturms auf Frauenfeld entgegengestellt hätten. Am frühen Dienstagmorgen, dem 19. Juli 1524, ging das Kloster Ittingen in Flammen auf und die verbliebenen Aufrührer machten sich aus dem Staub.

Nachspiel: Noch in derselben Woche schrieb Hans Wirth der Ältere dem Zürcher Rat über das Vorkommnis in Ittingen: Es tut «uns laid», da «äs nit evangelisch ist»12. Auf Druck der Eidgenossen befahl der Rat von Zürich, Verantwortliche des Ittingersturms verhaften zu lassen. Nicht von ungefähr flüchteten Erasmus Schmid und Konrad Steffan aus Stein am Rhein nach Waldshut. Die Stammheimer Prädikanten Hans Wirth der Jüngere und Adrian Wirth, ihr Vater, der Stammheimer Untervogt Hans Wirth der Ältere, sowie sein Nussbaumer Amtskollege Burkart Rütimann wurden festgenommen und den Eidgenossen ausgeliefert. Obschon sie in Ittingen mit der Eskalation nichts zu tun hatten, wurde lediglich Adrian Wirth begnadigt, damit er für seine Mutter sorgen könne. Die anderen drei wurden am 28. September 1524 hingerichtet. Nebst Adrian Wirth wurde auch Hans Öchsli, der evangelisch gesinnte Leutpriester von Burg, freigelassen13.

Erkenntnisse Mai/Juni 1525

Als die Bestimmungen des Rats von Zürich während des Monatswechsels Mai/Juni 1525 in den Ämtern und Herrschaften mitgeteilt wurden, war die Bevölkerung im Züribiet gerade erst durch die vermeldeten Gemetzel des deutschen Bauernkriegs erschüttert worden: Mitte Mai wurde in Thüringen in der Schlacht bei Frankenhausen der Bauernführer Thomas Müntzer vernichtend geschlagen und rund um die Schlacht bei Zabern verloren 18‘000 Elsässer Bauern ihr Leben.

Zürcher Ratsherren erkannten im Rückblick auf den Ittingersturm: 
Ohne das Respektieren fremder Herrschaftsrechte könnten Verbündete zu Gegner werden. 
Und ohne Entgegenkommen ginge von der kriegstüchtigen Bauernschaft erhebliche Gefahr aus. 
Zudem erkannten sie mit Blick auf die aktuellen Ereignisse im deutschen Bauernkrieg: 
Ohne allzu schnelles Handeln kann aufrührerische Energie auch wieder verpuffen.

Zürcher Bauern und ihre Mitstreiter erkannten im Rückblick auf den Ittingersturm: 
Ohne das Respektieren staatlicher Rechte könnten Chaos und Zerstörung um sich greifen. 
Und ohne evangelische Grundlage sind ihre Anliegen auf dem Weg der Reformation chancenlos. 
Zudem erkannten sie mit Blick auf die kürzliche Klosterbesetzung im Amt Grüningen: 
Ohne Protestaktion werden ihre Anliegen von der Staatsgewalt zu wenig beachtet.